Polyamorie – Mehr als nur Sex mit vielen

Stell dir vor, du bist verliebt in jemanden. Du hast erfolgreich unsere Dating Tipps studiert – herzlichen Glückwunsch, ihr werdet ein Paar und verbringt glückliche Monate, vielleicht sogar Jahre miteinander. Und plötzlich kommt der Tag, an dem du dir eingestehst, dass es da draußen mehr geben muss, dass du das Gleiche auch mit anderen Menschen gemeinsam spüren möchtest. Oder dein Partner gibt zu, dass er sich in eine weitere Person Hals über Kopf verknallt hat, dich aber nicht verlieren möchte. Was tun? Willkommen beim Ratgeber zu Polyamorie.
Der Wunsch nach Liebe und Zärtlichkeit in mehr als einer Liebesbeziehung ist kein absurder Gedanke, denn das polyamoröse Beziehungskonzept existiert schon ewig. Sicher können wir dir hier mit einigen Ratschlägen und Infos weiterhelfen, wenn du dir vorstellen kannst, Polyamorie eine Rolle in deinem Liebesleben spielen zu lassen.

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Menschen beim gemeinsamen Picknick

Polyamorie: Eine(r) liebt alle, alle lieben eine(n)

Der Begriff Polyamorie stammt aus dem Altgriechischen (polys = viele, mehrere). Ebenso fließt das lateinische Wort amor mit ein, was bekanntlich Liebe bedeutet. Womit wir auch schon bei der akkuraten Definition angekommen sind. Denn Polyamorie beschreibt ein Beziehungsmodell, in dem eine Person eine Liebesbeziehung mit mehreren Menschen parallel eingeht, sowohl im romantischen, als auch im erotischen Sinne. Dabei ist allen Beteiligten voll bewusst, dass der Partner oder die Partnerin weitere Menschen liebt, sie geben ihr volles Einverständnis, verbringen manchmal sogar aktiv Zeit miteinander.

Menschen, die sich für diese Form der Liebe entscheiden, gelten als polyamor oder polyamorös. Die soziale Bewegung um Polyamorie existiert erst seit den Neunzigern, so ist auch der Begriff erst seit Kurzem in unserem Sprachgebrauch. Das Konzept selbst gibt es vermutlich schon so lange, wie es romantische Beziehungen zwischen Individuen gibt – ist also nichts Neues! In der Sexualforschung taucht die Polyamorie häufig im Zusammenhang mit Ehrlichkeit, Transparenz, Konsens und Gleichberechtigung auf. Ein Begriff, der uns häufiger begegnet, ist die Monogamie. Sie beschreibt das klassische Beziehungsgeflecht aus zwei Personen, die sich gegenseitige Treue schwören. Was nicht bedeuten soll, dass polyamore Personen untreu sind, denn hier geht es eben um Transparenz und weniger um den Reiz am Seitensprung.

Mehrere Personen flirten beim Kartenspielen
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Wenn du dich für einen solchen Lebensstil entscheidest, hast du womöglich eine ganz andere Auffassung von Liebe und Körperlichkeit, die genauso berechtigt ist wie die der Monogamie oder freien Liebe. Häufig verwechseln wir die Polyamorie mit dem sogenannten Swinging. Swinger haben zwar ebenfalls Beziehungen mit mehreren Personen gleichzeitig für sich entdeckt, zielen aber eher auf den sexuellen Kontakt und Abenteuer statt die großen Gefühle und Zärtlichkeit ab. In den berühmten Swingerclubs spielt Sexmoral daher eine untergeordnete Rolle, während das Ausleben der sexuellen Lust, etwa beim Partnertausch oder Gruppensex, in den Fokus rückt.

Mythen und Vorurteile zu Polyamorie

Im 21. Jahrhundert sollten wir mit Sexualität – vor allem mit der Sexulität anderer Menschen – offen und tolerant umgehen. Freie Liebe und Polyamorie sind zwar keine Fremdwörter mehr, begegnen uns im Alltag aber doch deutlich seltener als die gute alte Monogamie. Und wo ein Lebensstil für manche Menschen nicht alltagstauglich ist, brodelt es gern mal in der Gerüchteküche. So dürfen polyamore Frauen und Männer sich zum Beispiel die folgenden Mythen um die Ohren hauen lassen.

Frauen tuscheln im Cafe
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Stimmt nicht! Jeder kann eifersüchtig sein. Allerdings meist dann, wenn es bestimmte Unsicherheiten und Ängste gibt. Die Polyamorie zeichnet sich durch Kommunikation aus. Was bedeutet, dass jeder Part zu jeder Zeit wissen sollte, mit wem der Andere gerade Zeit verbringt und wie er gefühlstechnisch dazu steht. Natürlich ist kein Mensch perfekt; eines Tages kann es dazu kommen, dass eine Seite nicht mehr zufrieden ist und ein Ultimatum stellt.
Polyamorie hat eher weniger mit Spiritualität oder skurrilen Ritualen zu tun, vielmehr ist sie ein bestimmtes Verständnis von Liebe. Wenn du polyamorös bist, vertrittst du einfach die Meinung, dass du deine Liebe nicht nur einer einzigen Person auf der Welt schenken möchtest, sondern sie auch mit mehreren gleichzeitig teilen kannst.
Kann in der Polyamorie genauso häufig passieren wie in anderen Liebesformen. Der Fokus liegt eher auf neuen Erfahrungen, die Menschen mit Menschen sammeln, die ihnen emotional nahe stehen. Wenn jemand sich für vielfache sexuelle Abenteuer entscheidet, wäre das eben erwähnte Swinging eine naheliegende Variante, um sich so richtig auszutoben.
Polyamorie hat nichts mit dem herkömmlichen Betrügen oder Seitensprung zu tun. Wenn eine monogame Person ihre bessere Hälfte betrügt, liegt ihr vermutlich viel daran, den Fehltritt zu vertuschen. Polyamore Leute gehen mit ihren multiplen Beziehungen von vornherein offen um, hinterlassen keinen ihrer Partner unwissend und nehmen sich die Menge an Liebe, die sie benötigen … so lautet zumindest die Definition. In der Praxis kann es natürlich auch hier anders aussehen.
Eine Aussage, die sich sicherlich nicht einfach pauschalisieren lässt. Sich auf eine polyamore Beziehung einzulassen bedarf großem Mut und Weltoffenheit, insbesondere dann, wenn du in deiner Vergangenheit nur monogame Beziehungen kanntest. Du solltest dein eigenes Gefühlsleben gut kennen, wenn du akzeptieren möchtest, dass dein Partner oder deine Partnerin eine oder mehrere Personen genauso liebt wie dich.
Auch das muss nicht sein. Wo Ehrlichkeit in jeder Form von Liebesbeziehung das Wichtigste sein sollte, sind Fehltritte und Vertrauensbruch genauso verletzend wie in monogamen Partnerschaften. Ehrlichkeit sollte als ein Prinzip betrachtet werden, nicht als Merkmal eines bestimmten Beziehungsmodells.


So klappt es mit der polyamoren Beziehung

Vermutlich denkst du dir in genau diesem Moment: Wow, Polyamorie muss ziemlich anstrengend sein. Unsere Antwort: Ja. Meist ist es in einer monogamen Beziehung bereits schwierig, die Bedürfnisse zweier Individuen unter einen Hut zu bekommen und emotionale Herausforderungen zu bewältigen. Wie um alles in der Welt soll das mit zwei Lovern gehen? Oder drei? Oder vier?

Aus der Sicht einer polyamoren Person

Seien wir so offen und ehrlich wie ein polyamorer Mensch. Um das Konzept erfolgreich durchzuziehen, braucht es eine gewisse Portion an Disziplin und Organisationstalent. Stell dir vor, du möchtest deine Ruhe haben und ein entspanntes Bad nehmen. Nach fünf Minuten klingelt dein Telefon, denn Freund 1 möchte ein Eis essen gehen. Freundin 2 textet, dass sie dir gern beim Baden Gesellschaft leisten möchte. Und nun?

Lange Rede, kurzer Sinn. Polyamorie umzusetzen ist schon eine Leistung. Und wenn du dich in dieses Abenteuer stürzt, gibt es Dinge, die du unbedingt beachten solltest. Angefangen damit, dass du deine unterschiedlichen Beziehungen nicht in eine Form pressen solltest. Ungefähr nach dem Motto: Freundin 1 muss immer mit mir kuscheln, Freundin 2 muss mich immer bei Outdoor Aktivitäten bespaßen. Das funktioniert nicht! In keiner Beziehung ist es ratsam, Bedingungen zu haben. Schau einfach, in welche Richtung sich euer Verhältnis entwickelt und ob es überhaupt funktioniert. Natürlich ist der allgemeine Konsens immer Grundlage.
Konkrete Vorstellungen davon, wie eine Beziehung aussehen sollte, können schnell damit einhergehen, eine imaginäre Strichliste zu führen. Fühle dich nicht dazu gezwungen, alle Involvierten hundertprozentig gleich behandeln zu wollen. Wenn du zum Beispiel mit einer Person Sex hast, musst du am folgenden Abend nicht direkt zur nächsten Adresse eilen. Lasse dich im Gegenzug nicht von deinen Partnern unter Druck setzen (“Mit XY hast du aber einmal mehr geschlafen!”; “XY hast du aber letztens ein Eis gekauft!”). Übrigens ist es zwar fair, alle Beteiligten im Bilde zu lassen, du musst aber nicht alles aus deinem Privatleben jedem zu jeder Zeit erzählen. Es ist vollkommen okay, Geheimnisse für dich zu behalten, solange du damit niemandem vor den Kopf stößt.

Drei Leute zusammen im Bett
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Aus der Perspektive des Liebhabers: Sprich deine Bedürfnisse aus

Kommen wir zum Kern: Kommunikation ist alles. Zum einen solltest du deinem Partner oder Partnern verdeutlichen, wie du dir die Beziehung vorstellst und was ausreicht, um dich glücklich zu machen. Denn dein eigenes Glück darf niemals in den Hintergrund rücken, erst recht nicht für Menschen, mit denen du nur indirekt verbunden bist (kurzum: die anderen Liebhaber deines Liebhabers, den du liebst). Mache nicht von einer Beziehung und der Bestätigung von außen abhängig, ob du dich erfüllt fühlst oder nicht. Wenn du dich in der Position befindest, dass deine bessere Hälfte mit anderen Partnern verkehrt, solltest du ihr klar machen, welche Rolle sie in deinem Leben einnehmen kann. Wenn eure Vorstellungen aneinandergeraten, ist es eventuell besser, die Beziehung zweimal zu überdenken. Habe keine Angst vor Veränderung, denn nur so lernst du dazu und kannst dich persönlich weiterentwickeln!

Andererseits hast du auch kein Recht dazu, die anderen Verhältnisse deines Partners zu manipulieren oder zu verurteilen. Denk daran, wenn du dich auf einen polyamoren Menschen einlässt, erklärst du dich bereit dafür, dass er oder sie körperlich und seelisch intim mit anderen Personen ist und bleiben möchte. Das Ganze ist ein permanentes Geben und Nehmen. Wie du das anstellst, bleibt dir überlassen. Sofern du aber realisierst, dass du emotionalen Schaden nimmst, solltest du deine Situation dringend überdenken und eventuell den Schlussstrich ziehen. Alles kann, nichts muss. Polyamorie ist keine Sekte.


Tipps: So händelt ihr erfolgreich die Eifersucht

Mann schaut auf Smartphone seiner Frau
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Hier eine Weisheit fürs Leben: Eifersucht ist kein Problem, sondern ein Symptom. Wenn ein Mensch eifersüchtig reagiert, liegt der Fehler meist woanders. Entweder in der Beziehung, die an allen Ecken hapert, oder in Unsicherheit und Verlustängsten, die wir gerne mal auf andere Leute projizieren. Das besagen zumindest gängige Theorien. Grundsätzlich ist es nur dann ratsam, eine polyamore Beziehung einzugehen, wenn du relativ immun gegen Einflüsse von außen und dir bombensicher bist, dass eure Beziehung auf Vertrauen baut. Doch Selbstbewusstsein ist kein Garant dafür, dass dich nicht doch mal die Eifersucht packt. Wie jedes andere Gefühl ist auch sie menschlich.

Du möchtest das Experiment trotzdem mit deinem Herzensmenschen wagen? Hier sind einige Tricks, mit denen ihr euch gegen mögliche Probleme wappnen könnt.

  • Frage dich selbst: Was ist der wahre Grund für meine Zweifel? Gibt es eine Lösung und ist sie zielführend?
  • Öffne dich deinem Gegenüber. Rede über deine generellen Ängste, Wünsche und Bedürfnisse.
  • Sofern du die Person mit mehreren Partnern bist, solltest du dich nie wie die Hauptfigur in einem Film verhalten oder durch dein Verhalten heraushängen lassen, dass deine Bedürfnisse wichtiger als die der anderen sind.
  • Kommuniziere immer direkt, was dich stört oder was deiner Meinung nach verbesserungswürdig ist.
  • Stelle deine Bedürfnisse nie hinten an, enge aber auch niemanden damit ein.
  • Überdenke nicht alles. Stelle dir zum Beispiel nicht vor, was deine bessere Hälfte und ihr anderer Lover gerade treiben oder warum er besser ist als du.
  • Ziehe keine Vergleiche oder voreiligen Schlüsse.
  • Wie wäre es, wenn du die anderen Partner deines Partners oder deiner Partnerin kennenlernst? Eventuell ist es hilfreich, wenn du die Frau oder den Mann kennst, der deinem Schatz den Atem raubt. Schließlich sitzt ihr im gleichen Boot.

Wenn Polyamorie scheitert

Neues auszuprobieren und Experimente in der Liebe zu wagen kann unendlich aufregend sein. Doch Erfahrungsberichte vieler Menschen, die sich schon einmal in einer polyamoren Partnerschaft befunden haben, zeigen, dass die Realität häufig anders aussieht.

In vielen Fällen tritt nämlich genau das ein, was in der Polyamorie vermieden werden soll – eine Beziehung ist Priorität, alle anderen müssen sich mit weniger Aufmerksamkeit begnügen. Das Resultat sind Eifersuchtsdramen und Partner, die sich zu Recht benachteiligt fühlen. Und die Top-Beziehung führt letztendlich dazu, dass sich die Spielregeln ändern und Polyamorie hinterfragt wird. Liebe hat ihre Limits, die alle Beteiligten wohl oder übel akzeptieren müssen. Egal, wie groß der Verlust am Ende ist, Polyamorie ist eine Erfahrung fürs Leben.